Der liebe Gott wird dreckige Finger mögen.

Auszug aus dem Buch „Um Himmels Willen“ von Martin Urrigshardt

Mein Vater war Organist und Küster an einer katholischen Kirche.

Ich ging zur Kommunion und war mit acht Jahren wegen meiner hübschen Knabenstimme  in der Knaben-Schola, die von meinem Vater geleitet wurde.

Ich wurde wegen meines Vaters dann schon mal geschubst. „Du meinst wohl, du bist was Besseres!“ Nein, das dachte ich eigentlich nie. Und schon gar nicht wegen meines Vaters. Der einzige Vorteil, den ich mir daraus erhoffte, war beim Singen. Dann war ich für den Moment Ohrfeigengeschützt – dachte ich zumindest. Bald sollte ich merken, dass das ein großer Irrtum war.

Ich wurde Messdiener. Berufen durch ein unbedachtes Betreten der Straße, das aber vom Pastor bemerkt wurde. „Ach Martin, schön, dass ich dich sehe. Du wolltest doch immer Messdiener werden. Wir treffen uns immer mittwochs, dann teile ich euch ein. Und du musst Latein lernen.“ Was ist los? Nie wollte ich Messdiener werden. Und dann sollte ich auch noch was lernen? Der Pastor sprach am Altar anders als auf der Straße. Am Altar war er ein Lügner und auf der Straße, so im persönlichen Gespräch, war er dann hinterlistig. Also, ein durch und durch fragwürdiger Mensch. Nur – warum war der Pastor?

Schnell musste ich dann fast jeden Tag, weil ja auch jeden Tag gestorben wird, bei Beerdigungen dienen. Ja, es hieß dienen. Mit dem Kreuz vorm Sarg herlaufen. Sich zum Kopfende der Graböffnung begeben und den Trauernden beim Trauern zuschauen und zuhören. Ich habe viele Menschen gesehen, wie sie weinten. Die, die stark weinen, die ununterbrochen weinen, die schluchzen, die quietschen, die brüllen, die schreien. Und die, die sehr leise sind. Die, die sich gegenseitig festhalten. Oder auch, wo keiner war, nur der Tote, der Pastor und ich. Da war mir manchmal zum Heulen. Im Regen alleine mit dem Pastor vor einem Sarg? So war es halt. Ich musste dann laut mitbeten und singen.

“Großer Gott wir loben dich“

Wenn die Trauergäste fehlten, musste ich nicht durch aufgeweichte Erde tappen, um ans Grabende zu kommen, sondern ich durfte mich neben den Pastor stellen. Ich stand so mit meinem Kreuz vor einem Loch mit einem Sarg, drinnen ein mir wildfremder toter Mensch, neben einem Mann, der nicht mein Vater und nicht mein Onkel oder ein Verwandter war. Ich stand neben einem Mann, den ich gar nicht leiden konnte. „So, Martin, wir beide sind ja nun alleine am Grab. Du musst jetzt laut mitbeten und singen.“ Ich sollte mit meiner Stimme dem Gebet mehr Gewicht geben, damit der Tote auch in den Himmel kommt. Da habe ich richtig Verantwortung übernommen. Und man konnte mich laut singen hören. So laut, dass es die Toten, obwohl sie doch schon im Himmel waren, wohl in der Grabesruhe gestört hat. Jedenfalls zwickte mich der Pastor gemein, doch nicht ganz so laut zu sein. Nach dem Lied durfte ich dann auch eine Schaufel Sand auf den Sarg schmeißen. Das konnte ich allerdings überhaupt nicht leiden. Wer will schon eine Schaufel Sand auf seinen Kopf geworfen bekommen. Außerdem spürte ich einen Widerspruch. Gerne hätte ich mit dem Sandhaufen gespielt, Burgen gebaut oder so was. Ich empfand, es war eine Entehrung der Erwachsenen gegenüber diesem wunderbaren Sandhaufen. Sand ist zum Spielen da und zu sonst nichts.

So ging es Tag ein Tag aus. Beerdigungen, Andachten, Rosenkränze, Messen, Hochämter.

Ich wohnte ja direkt neben der Kirche. Zwischen Kaplänen und Pastoren und ich mittendrin.

Schön war das Kostüm, ein einfarbig langes, wie ein Rock . Schwarz, rot oder lila. Drunter die Jeans und drüber ein weiß gestärktes Hemd. Ich mochte die Verwandlung. Noch vor einer Viertelstunde auf einer Baum-Bude gesessen und dann mit einem Mal ein ungewaschener dreckiger Messdiener. Unterm Rock sah ich aus wie ein Schornsteinfeger, aber das gestärkte weiße Hemd strahlte den Schmutz weg. Hände und Fingernägel waren so dreckig, dass ich mich manchmal, jedoch nur beim Beten, vor dem Heiland schämte.

Den Kopf leicht gebeugt und die Hände gefaltet sah ich das Malheur. Der Heiland wird Verständnis haben. Lasset die Kinder zu mir kommen. Da stören ihn doch sicher meine kohlrabenschwarzen Finger nicht. Ich glaubte sogar, der Heiland würde mich einst wegen meiner Finger im Himmel bevorzugt behandeln. Wegen meiner Aufrichtigkeit. Weil ich wusste, es kommt auf die inneren Werte an. Und außerdem: Der liebe Gott wird dreckige Finger mögen. Dreckige Finger haben was von armen Leuten, und arme Leute sind ja immer gut. Das hatte ich ja auch vom Heiland gelernt. Ich praktizierte den Schmutz aktiv. Gepflegte, strahlenweiße Fingernägel, geputzt und gewienert, haben was Heuchlerisches, und das merkt der Heiland zuallererst.

Messen und Hochämter waren sehr langweilig.

Es gab immer ein Durchhalteziel, das war die Kommunion. Danach dauerte es nicht mehr lange. Noch was singen und dann raus.

Es wurde aus großen Büchern vorgelesen. Da ich inhaltlich nicht folgen konnte, dachte ich mir so allerlei Blödsinn aus. Ob nachher beim Weihrauch die Mädchen wieder reihenweise umkippen? Ob man heiliges Wasser aus dem Taufbecken mit einfachem Kranwasser verlängern kann, ohne dass auch der Segen verdünnt wird? Ob man den Beichtstuhl in eine gemütliche Bude verwandeln und darin sogar schlafen kann? Ob einem nach dem Verzehr von 3000 geweihten Hostien schlecht wird? Und wenn man dann 3000 Hostien kotzt, ob die Kotze dann auch gesegnet ist? Und wenn man dann meine Kotze bei Fronleichnam als Allerheiligstes durch die Straße unter einem Baldachin trägt, ob die Gläubigen sich vor meiner Kotze bekreuzigen?

Mein Lieblingsmessdienerpartner war Jürgen Geyer. Klein ein wenig rundlich und ein großer Lacher. Wenn wir beide loslegten, bekamen wir oft Bauchkrämpfe vor Lachen.

Während eines LACHKRAMPFES VERÄNDERT SICH DIE WELT. Das Gesicht wird zur Fratze. Atemnot entsteht, und der Lachgrund ist längst in den Hintergrund gerückt. Jetzt war das reine Lachen der Grund zum Weiterlachen, um dann schlussendlich einen nicht enden wollenden Lachkrampf zu bekommen. Lachkrämpfe sind selten und lassen sich nicht planen. Deshalb kann ich mich in meinem Leben an jeden einzelnen erinnern. Zumindest an die ganz großen.

Einen ganz großen und einen der eindrücklichsten und gleichzeitig tragischsten Lachkrämpfe hatte ich in meiner Messdienerzeit mit Jürgen Geyer.

Die Wandlung ist während der Messe der wichtigste, spirituellste und auch stillste Moment und der Moment, in dem das Fleisch Christi essbar wird. Wir mussten uns hinter dem Pastor links und rechts neben dem Tabernakel auf Marmorstufen auf Kniekissen hinknien und mit Glöckchen klingeln. Es gab immer diesen Moment, der zauberhaft, wie durch Geisterhand angeflogen kam, um das Gefühlsdasein für einen Moment zu verrücken. Das war das Jetzt-nicht-lachen-Gesetz. Wenn die böse Fee das Jetzt-nicht-lachen-Gesetz ins Gesicht haucht, tut sie das garantiert immer dann, wenn man tatsächlich absolut nicht lachen darf. Man muss dann der Situation mit eiserner Disziplin begegnen. Oder man muss erwachsen sein. Auf keinen Fall funktioniert als aktive Gegenmaßname der Presskopf, will sagen: die Atemluft ins Gesicht pressen. Denn das führt immer zu explosionsartigem Platzen der aufgeblasenen Wangen und zur ultimativen Hingabe zum Lachen. Zum Lach-Befehl. Die Folgen während der Fleischwerdung sind nicht auszudenken.

Auch nicht viel besser ist ein stilles Krampflachen mit der Auswirkung, dass der Oberkörper stark bebt – was erweckt das für Aufmerksamkeit! Außerdem ruft der Still-Lachkrampf die Verzerrung der Mundwinkel hervor. Den Mund zu einem O geformt, der Oberkörper erzittert – schnell führt das beim Lachbeobachter zu einem weiteren Lachfeedback. Den Rest kann man sich denken. Alle Formen des Lachkrampfes lösen Säfte im Körper. Tränen sind da eher das Harmloseste. Schlimmer ist die Pisse. Von Beginn eines jeden Lachkrampfes an wartet der erste Tropfen Pisse. Und tropft endlich in die Hose. Unweigerlich. Und manchmal nicht abänderbar auch ein Strahl. Dann ist die Buxe nass. Eigentlich habe ich das Pissen mitten im Lachkrampf wie eine Art Höhepunkt empfunden. Fast spirituell. Gott sehr nahe.

Die Wette.

Sonntagmorgen, kurz vor der Messe. Ich war mit Jürgen aufgestellt.

„Wetten, dass ich während der Wandlung einen ganz lauten Furz mache?“

Jürgen konnte sich alleine bei diesem meinem Gedanken nicht mehr halten vor Lachen und Jürgen musste sofort aufs Sakristeikloo.

Die Vorstellung einer solchen Bombe war für uns beide so unfassbar, dass unser Lachen etwas Böses, Fatales und Anrüchiges bekam und uns in der Sakristei erschauern ließ. Noch zehn Minuten bis zum Beginn der Messe, wir waren vier Messdiener. Auch wenn ich Jürgen nicht dauernd sah, konnte ich ihn immer hören, es war dieses laut verkniffene Lachknorzen. Ich wusste, es ist im Kopf von Jürgen angekommen und wird nicht mehr aufhören. Bei mir war es genauso. Auch ich ging Wasser lassen, vor allem um Jürgen nicht mehr hören zu müssen. Was soll denn nur werden, wenn wir in den mit 600 Menschen vollbesetzten Kirchenraum kommen? Und wir beide vorne weg. Der Pastor bimmelt, mein Vater greift in die Tasten. Wir lachen uns schief und krumm. Der Teufel wird uns holen. 300 Jahre werden wir Briketts schleppen müssen, immer nur schwitzen in der Hölle.

Plötzlich kam Angst auf. Etwas Unvorstellbares geschah. Wir machten unsern Gang zum Altar ohne Zwischenfall. Bei Jürgen und mir war alles, wie weggeflogen, nichts hätte mich jetzt zum Lachen gebracht.

Nach fünf Minuten kam die gewohnte Langeweile auf. Die Lesung im Sitzen. Wir hatten ein striktes In-den-Kirchenaum-GuckVerbot. Also Augen geradeaus immer an die Wand. Oder Jürgen in die Augen. In diesem Augenblick hat sich die böse Fee auf den Weg gemacht, um uns ein wenig später anzuhauchen, unweigerlich, nicht änderbar.

Und dann kam dieser Gedanke zurück, die Furz-Idee während der Wandlung.

Ab jetzt sollte ich diesen Gedanken nicht mehr los werden. Er wird mich verfolgen. Vielleicht ein Leben lang. Aber mein Entschluss stand fest. Ich werde es tun. Ich werde es machen. Verklärte Bibeltexte stiegen auf: „Jesus wurde in allem versucht wie wir“ (Hebr. 4,15). „Ein jeder wird versucht, wenn er von seiner eigenen Lust gereizt und gelockt wird“ (Jak. 1,14). Ich verstand. Ich war versucht, ganz klar. Was für ein schlimmer Plan. Jürgen, mir gegenüber, ging durch alle Höllen der Welt. Ich sah nur sein tiefrotes Gesicht. Nicht gepresst, sondern pure Angst kam in ihm hoch.

Die Wandlung kam immer näher. Wir bewegten uns auf die Stufen zu. Jürgen schleppte ein wenig, als ob er nicht aufstehen wollte. Für einen kurzen Augenblick dachte ich, dass er raus gehen würde. Jürgen hatte alles in der Hand, ohne ihn würde ich es nicht tun. Widerwillig schlendernd bewegte er sich und kniete hin. Er nahm all seinen Mut zusammen und schaute mir in die Augen, bettelte mit einer leicht verneinenden Kopfbewegung. Bitte , bitte nicht!!!!

Doch, ich werde dieses Solo blasen.

Mein Vater auf der Orgelbühne, absolute Stille im Publikum, der Pastor hebt an, seinen ersten Schluck Wein zu trinken. Ich versuche Druck aufzubauen, kommt nichts. Das Brot wird gebrochen, ich klingle. Zweiter Versuch, Druck aufzubauen. Der Kelch wird erneut gehoben. Und dann: Das Unvorstellbare passiert.

Es gibt die Dinger, die nur laut sind, die nicht leise weichen. So eine Art Effektknaller, nur laut und sonst nichts. Und genau so einer ist mir mit plus 30 Dezibel aus meinem roten Rock geknallt. Unvorstellbar laut, ohne Blitz, nur der Donner krachte in die Kirche. 600 Gläubige waren getroffen. Der Wein wurde sofort schal. Der Pastor vergaß zu trinken. Ein Blick in meine Richtung verurteilte mich zum Tod. Die Fee leistete ganze Arbeit. Kein Versuch der Bändigung, nichts konnte uns beide mehr halten. Wir lachten so unbändig, dass unsere beiden Mitmessdiener aufstanden und uns alleine ließen.

Der Bann war gebrochen. Die Gläubigen murmelten leise. Mein Vater stieg von der Orgelempore, das mächtige Holztreppengepolter ist mir heute noch in den Ohren.

Ich war komplett eingenässt, meine Augen standen unter Wasser und meine Blase war auch nicht faul gewesen. Da lief er, mein Vater, am Kreuzweg vorbei, schnurstracks zum Altar, packte mich und zerrte mich in die Sakristei. Türe zu. Es gab eine mächtige Tracht, unter der ich weitere Blasenflüssigkeit verlor. Alle konnten die Schläge hören, 600 Gläubige hörten, wie ich gnadenlos verdroschen wurde.

Ob ich die Dresche verdient habe? Weiß ich nicht. Ich spürte den Schmerz nicht. Ich habe nicht geschrien. Kein einziger Laut von mir für die 600 Gläubigen. Verschämt ging mein Vater hintenherum wieder auf die Orgelbühne. Jürgen, der uns verstohlen vom Altar gefolgt war, saß die ganze Zeit nebenan im Messdienerraum und hat die Prügel miterlebt. Wir saßen in unseren roten Röcken noch eine Zeitlang nebeneinander auf der Bank in der Sakristei und haben leise gelacht. Über einen Furz, der beinahe ein Wunder verhindert hat und doch wundervoll irdisch war.

Für meinen lieben Freund Jürgen, der leider 2012 verstarb