Akrobat

Aus dem Gedichtband AKROBAT von Karlheinz Burandt, OTZ-Verlag Duisburg 1978.  Erstmals
vorgestellt bei einer Lesung im „Quartier Latin“, Bochum, am 9. Juni 1977. Mit einer
Zeichnung des Autors
 
 
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Auch hinter unansehnlichen Bildern
stecken bedeutende Wahrheiten
Friedrich Schröder-Sonnenstern

1
Der Abend ist der Tag des Akrobaten,
der Auftritt die beißende Mittagssonne.
2
Wenn der Zirkusdirektor das Licht ausschaltet,
steht der Akrobat geblendet da.
3
Der Akrobat sieht das Publikum nicht,
die Bühne ist zu grell beleuchtet.
Das Publikum sieht,
wenn überhaupt,
nur den Akrobaten.
Seine Tätowierungen verlieren sich
im Scheinwerferlicht,
als hätte er sie
an der Kasse
bei der Pfauenfederdame
hinterlegt.
4
Das leere Zirkuszelt sieht der Akrobat
als Friedhof,
die nicht besetzten Stühle
als Grabsteine.
Gerne säße er
neben der Pfauenfederdame
an der Kasse.
5
Ein Denkmal zu Lebzeiten
ist des Akrobaten Tod.
Das Seil, das gefährlich schwingende,
wird zum Betonpfeiler
mit bunt bemaltem Geländer.
6
Das Publikum ist gegangen,
das Schulterklopfen vorbei.
Aufrichtige, ehrliche Glückwünsche.
Aber dann:
Eine Arena voller Leere.
Der Akrobat nach der Vorstellung,
nach dem Applaus,
nach Mitternacht:
Ist ein Seiltänzer
zwischen zwei Kneipen
auf der Suche nach einem Taxi.
7
In einer Ecke des Zeltes,
das mit Bierbüchsen gepflastert scheint,
liegt noch ein Lachen.
Wäre es doch ein Lächeln!

 
Grafik Peter Dietz

Beim Schreiben

Im Wechsel des Lichts
vom tauchenden Tag
zum strahlenfangenden Ende
brennt mir der grauquellende Qualm
einer Winston Silhouetten und Schemen
seltene Bilder
in die schwarzumrandeten Augen
die im schleichenden Dunkel
das federleichte Papier
nur noch ahnen können.

 

 

 

Aus der Anthologie „Duisburg City Poetry All Stars“, herausgegeben von Karlheinz Burandt,
OTZ-Verlag Duisburg, 1977.
Mit einer Grafik von Peter Dietz

 
Kalle 28.06.16 (2)

lilienfelder

lilienfelder fallen lilien mit wegen und
grünen wenn nachts und dann
verweist weißer wind fliegt in ruhe
genießt ergießt und schnellt
lieber als zwei sonnen die glänzend
brennen mit besetzt und entsetzt
schranken vergeben und vergebens
vergehen
lithienfelder sollen lilien mit
träumen wenn nie mehr doch immer
nach jahren nachjagen
weißblumen schwerter säbel sacht nachts
dunst stunden gunst lange
zeit mit und immergrün
gelingt zerrinnt bergtief plateau beringt platin
gerinnen
lisienfelder gehen lilien warten
entscheidend verwelkt und lilienschwarzrot tot
schmerznebel blutblau meistens wenn
sinn und mit ziel losgelöst
aus tagen und tragen durch nordtäler
zwischen wolken und sich winden in wänden
lilien wälder älter felder lilien

Geschrieben 1976. Erstveröffentlichung in SPRACHGITTER Nr.2,
Zeitschrift für Literatur und Graphik. Köln, Januar 1977

lilienfelder. Stimme und Bass von Burandt,
Schlagzeug Ruhnau, beides aufgenommen 2016 in
Duisburg. Produziert von Urrigshardt in Glottertal